Historische Kanonen vor einer nebligen Kirche in einer winterlichen, verschneiten Parklandschaft bei Nacht.

Napoleons Rückzug aus Moskau: Wendepunkt für Europa

Am 19. Oktober 1812 begann Napoleons Grande Armée den Rückzug aus Moskau. Der Marsch wurde zur Niederlage, weil eine geschwächte Armee auf weiten Wegen kaum zu versorgen war und russische Truppen weiter Widerstand leisteten. Für die deutschen Staaten öffnete das den Weg zu einer neuen Erhebung gegen die französische Vorherrschaft.

Am 19. Oktober begann der Rückmarsch aus Moskau

Napoleon hatte Moskau im September 1812 erreicht. Die russische Armee war ausgewichen, die Stadt weitgehend verlassen und durch Brände schwer beschädigt. Eine politische Einigung, die den Feldzug hätte beenden können, kam nicht zustande. Am 19. Oktober setzte sich die Grande Armée schließlich in Bewegung – spät im Jahr und nach Monaten eines Feldzugs, der Menschen und Material bereits stark beansprucht hatte.

Der Rückzug war zunächst kein ungeordneter Fluchtmarsch. Napoleon führte seine Truppen zunächst nach Südwesten, in Richtung Kaluga und durch Gebiete, die weniger verwüstet waren als die Strecke des Hinmarschs. Nach dem Zusammenstoß bei Malojaroslawez am 24. Oktober wich die Armee jedoch auf den bereits ausgeplünderten Weg über Smolensk zurück. Der russische Widerstand beeinflusste damit unmittelbar, welche Route den Rückkehrenden offenstand.

Versorgung, Entfernung und Widerstand wirkten zusammen

Die Grande Armée war für einen schnellen Feldzug auf ausreichende Vorräte und funktionierende Nachschubwege angewiesen. Je weiter sie nach Osten vorrückte, desto länger und schwieriger wurden diese Wege. Die Armee musste sich zunehmend aus dem Land versorgen, doch Dörfer und Vorräte waren vielerorts zerstört, geleert oder von den Russen entfernt worden. Pferdemangel schwächte zudem Transport und Kavallerie.

Die Entfernung machte jeden Engpass schwerer zu beheben. Zwischen Moskau und den westlichen Versorgungsgebieten lagen Hunderte Kilometer; Nachschubkolonnen konnten den Bedarf einer so großen Truppe nicht einfach ausgleichen. Verwundete, erschöpfte Soldaten und zurückgelassenes Material belasteten den Marsch zusätzlich. Der Rückzug war deshalb schon vor dem härtesten Winterwetter gefährlich.

Russische Streitkräfte und irreguläre Verbände griffen die französischen Kolonnen an, beobachteten ihre Bewegungen und erschwerten den Rückmarsch. Die Kämpfe um die Route, darunter die Gefechte bei Wjasma und Krasny, kosteten Zeit und weitere Kräfte. Auch die russische Armee hatte Verluste erlitten; sie blieb aber handlungsfähig und konnte den Rückzug unter Druck setzen.

Der Winter verschärfte eine bereits schwierige Lage

Kälte und Schnee wurden zu einem entscheidenden zusätzlichen Belastungsfaktor, als die Armee weiter nach Westen marschierte. Sie trafen auf Soldaten, denen es an Nahrung, warmer Kleidung und geeigneten Unterkünften mangelte. Tiere starben, Wagen blieben zurück, und die Versorgung wurde noch schwieriger. Der Winter erklärt die Katastrophe jedoch nicht allein: Die Armee war bereits ausgedünnt, die Wege waren lang, die Vorräte knapp und der Gegner setzte den Rückzug fortwährend unter Druck.

Napoleons Rückzug aus Moskau: Wendepunkt für Europa

Auch die oft zitierte Vorstellung, die Grande Armée sei vollständig vernichtet worden, vereinfacht den Ausgang. Ein Teil der Soldaten starb, wurde gefangen genommen oder zerstreut; andere erreichten die westlichen Gebiete. Die Niederlage lag in der massiven Zerstörung der militärischen Schlagkraft und darin, dass Napoleon seine Kontrolle über die besetzten Gebiete nicht länger auf dieselbe Weise behaupten konnte.

Der Rückzug veränderte Europas Kräfteverhältnis

Der Russlandfeldzug kostete Napoleon einen großen Teil seiner Streitmacht und machte die Grenzen seiner Herrschaft sichtbar. Preußen, das zuvor zu Frankreichs Bündnissystem gehört hatte, löste sich 1813 aus der Bindung. Nach dem Aufruf König Friedrich Wilhelms III. zu den Waffen schloss sich Preußen der Koalition gegen Napoleon an. In den deutschen Ländern begann damit eine Phase, die als Befreiungskriege bekannt wurde.

Auch andere deutsche Staaten gerieten in Bewegung. Die Erhebung gegen Napoleon war kein einheitlicher nationaler Aufstand: Interessen und Bündnisse unterschieden sich, und manche Herrscher wechselten erst, als sich die militärische Lage änderte. Zugleich gewannen Forderungen nach politischer Erneuerung an Gewicht. Die Reformen in Preußen hatten bereits vor 1812 begonnen; der Rückzug aus Russland beschleunigte die Machtverschiebung, die sie politisch dringlicher machte.

Nach dem Sieg der Koalition bei Leipzig im Oktober 1813 musste Napoleon sich weiter aus den deutschen Gebieten zurückziehen. 1814 endete seine Herrschaft zunächst mit der Abdankung und seinem Exil auf Elba. Der Wiener Kongress ordnete Europa anschließend neu. Für die deutschen Staaten brachte diese Neuordnung weder sofortige Einheit noch eine einheitliche Verfassung, aber die französische Vorherrschaft war gebrochen und die Frage nach der politischen Zukunft Deutschlands ließ sich nicht mehr ausblenden.

Der Rückzug ab dem 19. Oktober 1812 war somit mehr als ein gescheiterter Marsch. Versorgungskrise, enorme Entfernung, Wetter und russischer Widerstand verstärkten einander. Zusammen schwächten sie Napoleons Armee so stark, dass sich 1813 neue Bündnisse und die Befreiungskriege entwickeln konnten.

Quelle: Encyclopaedia Britannica

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